Der Klang von Räumen

 

 

- Vorwort zur CD von Jos Rinck -


Ein Gerichtssaal ist ein Gerichtssaal ist ein Gerichtssaal


Am Anfang war das Bild von einem Raum. Das Bild von einem Gerichtssaal, der still und sauber der Dinge harrt, die da kommen sollen. Anders als ein leeres Klassenzimmer, ein Konzertsaal oder ein leeres Theater ruft ein Gerichtssaal normalerweise nicht automatisch Assoziationen aus der Kollektiverinnerung des bürgerlichen Lebens ab. Ein Gerichtssaal bleibt zunächst ein Raum mit Architektur und Möbeln und der in ihrer Anordnung ausgedrückten Hierarchie der menschlichen Justiz. Ein Gerichtssaal ist ein Gerichtssaal ist ein Gerichtssaal.

Und was ist mit den Räumen, in denen hochsensible politische Prozesse stattfanden? Was passiert, wenn man in einem Tribunal etwas absolut Unerhörtes macht, wollte ich wissen. Hinzu trat das Bild von einer Zelle, in der das in einem Gerichtssaal gesprochene Strafurteil vollstreckt werden kann, für eine lange Zeit oder sogar ein Leben lang. Und so entwickelte ich – ein Europäer, gebürtig in den Niederlanden – Musikkonzepte für die Paläste der Justiz, für die Zelle von Christian Friedrich Daniel Schubart und, auf den Spuren von Marinus van der Lubbe, für den ehemaligen Reichstag.

Aus diesem technisch nicht messbaren, mit Worten kaum beschreibbaren Experiment sollte eine CD werden. Für die Pilgerreise durch europäische Gerichtshöfe brauchte ich Anstöße und Wissen aus der Justizgeschichte, vor allem brauchte ich Zugang zu den zum Teil hochsicherheitsgeschützten Heiligen Hallen. Kein anderer konnte mir beides verschaffen als mein Freund Axel Boetticher, Richter am Bundesgerichtshof in Karlsruhe. Er hat mich zu allen Aufnahmeorten begleitet, die Reisebilder und Texte im Booklet stammen von ihm.




- Vorwort zur CD von Brigitte Zypries (MdB, Bundesministerin der Justiz) -


Akustische Zeitreise durch die Justizgeschichte


Diese CD lädt ein zu einer akustischen Zeitreise an Orte von Recht und Unrecht. Sie führt vom Hohenasperg bis zum Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, von der Fürstenwillkür des Absolutismus bis zur Strafbarkeit von Staatsverbrechen. Der Flötist Jos Rinck nähert sich den Stätten der Strafrechtsentwicklung auf ungewöhnliche Weise: Er bringt Ereignisse und Schicksale, die sich in Zellen und Gerichts sälen abspielten und abspielen in beeindruckender Art und Weise zu Gehör. Dem Schicksal von Marinus van der Lubbe, dem mutmaßlichen Reichstagsbrandstifter, wendet sich Rinck besonders zu. Es ist nicht die einzige musikalische Annäherung an diesen Fall des Justizversagens am Beginn des nationalsozialistischen Unrechtsregimes. Auch im Bundesverwaltungsgericht in Leipzig erinnert man in diesem Jahr mit einem Gedenkkonzert an den Reichstagsbrandprozess vor 75 Jahren. Die musikalische Auseinandersetzung mit der Justiz wird ergänzt durch die Texte, die Axel Boetticher für das Booklet geschrieben hat. All dies ergibt eine beeindruckende CD, die uns Justizgeschichte mit anderen Sinnen entdecken lässt.